Montag der 01.06.2009 13:57 Uhr
01.06.2009 13:25 Uhr
SCHWEINFURT

Operation am offenen Unterbewusstsein

Tonquadrat als Abschluss des Kulturforums

„Nehmen Sie Kontakt zu Ihrem Vordermann auf, Sie werden jetzt in den Vorführungsraum geführt“ – so lautet die ungewöhnliche Anweisung beim Einlass in die letzte live-Veranstaltung beim 4. Kulturforum im Zeughaus.

Dunkelhören, ausgeführt von der Gruppe Tonquadrat, setzt die normalen Konzertbedingungen außer Kraft. Der Gesichtssinn wird ausgeschaltet, die optischen Informationsquellen sind verschlossen. Ich kann also nicht mehr sehen, was auf der Bühne geschieht, was meine Sitznachbarn tun, wie der Konzertraum gestaltet ist. Dafür kann ich hören. Außerdem fühlen. Das beginnt schon damit, dass ich die Worte des Einlasspersonals ernst nehme und meine Hände auf die Schultern des vor mir stehenden Besuchers lege. Gruppenweise werden die Besucher von Sehbehinderten in den Aufführungsraum geführt.

Tonquadrat, die jungen Künstler um Marc Bieringer und Christian Kuhn, experimentieren bereits einige Jahre mit elektronischer Musik. Ihre Musikstile sind weit gespannt: von Ambient bis Minimal, von House bis Drum&Beat. Die Gruppe hat ein faszinierendes Projekt ins Zeughaus gebracht. Dunkelhören. Hören im Dunkeln. Auf den ersten Blick scheint das nur zu bedeuten, dass im Dunkeln zugehört werden soll. Soweit ist das bei einem Konzert nicht ungewöhnlich. Konzert- und Theaterräume werden immer abgedunkelt, wenn die Veranstaltung beginnt. Doch Dunkelhören findet in absoluter Dunkelheit statt, der Zuhörer ist von der Außenwelt abgeschottet, um ihn ist Nacht.

Thematisch gibt es im Konzert zwei Hälften. Zunächst werden die Zuhörer mitgenommen auf eine intergalaktische Reise. Sie besteigen ein Raumschiff und entfernen sich räumlich und zeitlich. Möglich wird das erst dann, wenn man sich einlässt auf die Klänge und Geräuschkulissen, wenn man die normale Außenwelt vergisst. Die geschlossenen Augen öffnen die Sinne für neue Erfahrungen. Die Klänge und Worte übernehmen Regie und bemächtigen sich der Fantasie der Zuhörer. Diese werden zum einen zurückgeworfen auf sich selbst und ihre Wahrnehmungen, treten aber zugleich hinaus und begeben sich auf die Reise.

In der zweiten Konzerthälfte ist der Zuhörer versucht, die Geräusche zu identifizieren und ihnen eine sinnvolle Ordnung zu geben. Es quietschen Türen, tropfen Wasserhähne, lassen sich Fahr- und Fluggeräusche identifizieren und etwas, was der Schrittfolge eines galoppierenden Pferdes gleicht. Eher vordergründige und konkrete Ton und Geräuschbilder sind unterlegt mit Klangcollagen, die eine Grundstimmung vermitteln. Textfragmente lassen erahnen, dass der Zuhörer an einem Experiment teilnimmt, das eine „Operation am offenen Unterbewusstsein“ darstellt.

Draußen ist es längst Mitternacht geworden. Mein Hörsinn ist geschärft und ich gehe durch eine Nacht voller Geräusche.

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